Eigentlich ist der Herbst nicht meine Jahreszeit. Und doch gibt es immer wieder diese besonderen Tage, an denen etwas geschieht, womit ich selbst nicht rechne. Heute war so ein Tag. Ich war mit meinem Hund unterwegs. Die Sonne schien, der Himmel war blau, und plötzlich begann alles um mich herum zu leuchten. Die Blätter in den Bäumen, die Farben am Wegesrand, das Licht zwischen den Zweigen – als wollte die Natur noch einmal alles zeigen, was in ihr steckt.
Vielleicht ist das das Geheimnis des Herbstes. Dass nicht alles still und grau zu Ende geht. Sondern dass manches gerade dann noch einmal aufleuchtet, als wolle es sich für das vergangene Jahr bedanken. Als wolle die Natur sich noch einmal schön machen, noch einmal ihr farbigstes Kleid anziehen, bevor sie loslässt. Dieser Gedanke hat mich berührt.
Denn ich glaube, wir Menschen kennen so etwas auch.
Manchmal geschieht es, dass Menschen in ihrer letzten Lebensphase noch einmal aufblühen. Als würden sie innerlich schon ahnen, dass sich etwas wandelt. Manche werden noch einmal ganz lebendig. Sie freuen sich, verlieben sich, tanzen innerlich, wirken auf einmal hell und zugewandt. Und ehe man es begreift, ist dieser Abschnitt auch schon wieder vorbei. Schneller manchmal, als man dachte.
Heute wäre mein Vater 102 Jahre alt geworden. Eigentlich wollte ich darüber gar nicht nachdenken. Und doch war er da, still, wie ein Gedanke im Hintergrund dieses Tages.
Vielleicht gehört auch das zum Herbstleuchten: Dass Erinnerungen sich mit dem Licht verbinden. Dass das Außen etwas zum Leuchten bringt, was auch in uns selbst berührt werden will.
Als ich später nach Hause kam, fiel mir ein alter Zettel in die Hände. Eine Notiz aus dem Januar 2021. Eine kleine Geschichte, die ich damals aufgeschrieben hatte:
„Die Sonne sucht das LICHT.“
Damals war die Welt wie gelähmt. Corona hatte alles überschattet. Vieles war blockiert. Vieles fühlte sich dunkel an. Auch ich selbst war in dieser Zeit psychisch wie abgeschnitten – als hätte etwas die Verbindung nach draußen, aber auch die Verbindung nach innen verdunkelt
In meiner kleinen Geschichte wurde die Sonne selbst vom Licht abgeschnitten. Ein winzig kleines Corona-Virus setzte sich vor sie, nahm ihr die Sicht, ließ sie zu Boden fallen. Die Menschen erkannten die Sonne nicht einmal mehr und traten sie, blind für das, was ihnen doch eigentlich das Leben schenkt.
Bis da dieser winzig kleine Piks kam.
Damals schrieb ich dieses Wort einfach so auf. Heute denke ich, dass es mehr bedeutet als nur einen äußeren Vorgang. Vielleicht ist dieser Piks jener kleine Impuls, der uns aufschrecken lässt. Ein winziger Moment, der uns zwingt, innezuhalten. Ein Schmerz vielleicht. Ein Weckruf. Ein Anstoß.
Etwas, das uns dazu bringt, nicht länger nur im Außen nach dem verlorenen LICHT zu suchen, sondern endlich wieder nach innen zu schauen. Denn in meiner Geschichte fand die kleine Sonne das LICHT nicht draußen zuerst.
Sie fand es in sich selbst.
Ganz hinten, tief innen, war ein winzig kleines helles Loch entstanden. Wie ein Licht am Ende eines langen Tunnels. Und indem sie diesem LICHT folgte, wurde es Schritt für Schritt wieder heller.
Ich glaube, darin liegt eine tiefe Wahrheit. Wir Menschen suchen oft lange im Außen nach Lösungen für das Dunkel. Wir bekämpfen Symptome. Wir suchen Schuldige. Wir kämpfen gegen das, was uns Angst macht. Doch vielleicht beginnt der eigentliche Weg aus der Dunkelheit viel tiefer. Vielleicht muss jeder Mensch irgendwann den Weg nach innen antreten.
Ein alter Traum von mir beginnt mit einem Satz, der mich bis heute begleitet: „Der Ursprung des Bösen liegt in uns selbst.“
Das klingt zunächst hart. Und doch ist darin nichts Verdammendes. Es ist eher eine Erinnerung daran, dass wir als Menschen in einer Welt der Polarität leben. Hell und Dunkel, Licht und Schatten, Gut und Böse – all das gehört zu unserer Erfahrung. Aber ebenso wahr ist:
Jeder Mensch trägt einen göttlichen Funken in sich. – Ein LICHT. –
Und vielleicht besteht unsere Aufgabe darin, dieses LICHT nicht zu verlieren, sondern es BEWUSST zu nähren. Es zu SCHÜTZEN. Es in ein LICHT der LIEBE zu verwandeln, das auch nach außen strahlen kann.
Wenn ich heute an den Herbst denke, dann scheint mir genau das sein stilles Bild zu sein: Noch einmal leuchten. Nicht aus Angst vor dem Ende. Sondern aus Dankbarkeit für das Leben – aus DEMUT – Noch einmal Farbe zeigen. Noch einmal Wärme geben. Noch einmal sichtbar machen, was im Innersten lebendig ist.
Vielleicht ist Herbstleuchten genau das:
Die Erinnerung daran, dass auch dann, wenn Nebel kommt, Kälte, Dunkelheit und Rückzug, das LICHT nicht verschwunden ist. Es wartet. Vielleicht nicht immer gleich sichtbar am Himmel. Aber irgendwo in uns. Und manchmal braucht es nur einen Spaziergang, ein paar goldene Blätter, einen Sonnenstrahl oder einen alten Zettel in der Hand, um sich daran wieder zu erinnern.
Heute war so ein Tag. Und wer weiß – vielleicht schlägt das Wetter morgen um. Vielleicht wird es kalt, neblig, feucht und dunkel. Aber heute war es schön.
Und manchmal ist auch das schon ein kleines Wunder.