Die Weihnachtsgeschichte der ZEIT

Es war Mitte November in diesem Jahr. Ich saß auf meinem Sofa und sah mich in meiner kleinen gemütlichen Wohnung um.
Es wäre nun an der Zeit, mir über das bevorstehende Weihnachten Gedanken zu machen.
An Weihnachten liebte ich immer schon die Vorweihnachtszeit.
Diese ganz besonders feine Stimmung der Vorfreude, die sich im Herzen nach und nach breit macht,
so, als wenn man sich auf einen ganz besonders lieben Gast freut, welcher zu Besuch kommen werde.
Man putzt die Wohnung, man plant und schaut, was alles zu tun ist, dass es ein perfektes Fest sein wird.
Und mit der jahrelanger Erfahrung dieses Rituals, schafft man sogar inzwischen alles, ohne jeglichen Weihnachts-Stress.
Geschenke hatte ich schon frühzeitig besorgt.

Und die Dunkelheit der langen Wintertage würde mit dem warmen Strahl von Lichterketten vertrieben werden.
So wartete auch mein kleiner Tannenbaun von Jahr zu Jahr im Keller, dass ich ihn zur Adventszeit wieder hervorholen werde.
Er sieht einem echten Baum sehr ähnlich und wurde vor einigen Jahren mit sehr Liebe von mir geschmückt.
Kleine Rehe hängen darin, goldene und rote Kugeln und kleine weiße Vögel sitzen auf dem einen oder anderen Ästlein.
Große elektrische Baumkerzen spenden dem Bäumchen ein besonders behagliches Licht und die Krone ganz oben ziert ein verzierter Stern.
Meine Krippe würde ich auch hervor holen.
Viele Jahre ist es nun schon her, dass ich im Wald die Rinde von einer Kiefer fand. Sie lag auf dem Boden vor dem alten Baum.
Ich weiß gar nicht, warum der Baum sie verloren hatte? Die Rinde war noch ganz frisch und an einem großen Stück.
Dazu hatte ich noch ein paar dünne Äste gesammelt und Moos. Aus allem bastelte ich dann meine eigene Krippe.
Es war eine schöne Zeit damals, an die ich mich jedesmal erinnere, wenn ich sie wieder hervor hole.
Eine Krippe zu bauen gehört vielleicht zu den Dingen, die ich im Leben einfach mal machen wollte.
Krippe ist für mich halt Weihnachten: die Geburt Christi.

Und die Geburt Christi ist doch einfach ein Symbol, um an die Bedeutung der „LIEBE“ erinnert zu werden. –
Zu wissen, dass Gott, jedem von uns, die Fähigkeit der LIEBE geschenkt hat.

Der kalten Welt des Winters kann meine Heizung gut entgegen wirken, trotz der Sorge um die Energieknappheit.
Doch grade heute in diesen Tagen, wenn die Kälte von Krieg und Not so nahe auch vor unserer Haustüre wütet,
sehnen sich mehr und mehr Menschen nach der Wärme der HERZEN.
So sollten wir uns erinnern: an die Macht der LIEBE.

*

Und doch fragte ich mich nun, ob mir in diesem Jahr überhaupt danach zumute sei, mich auf Weihnachten zu freuen?
Wollte ich mich auch in diesem Jahr dem besonderen Emotions-Rausch der Vorweihnachtszeit hingeben?

Die Menschen sind mehr, oder manche auch weniger, auf besondere Weise empfänglich für die feinstofflichen Schwingungen von Gefühlen.
Man nennt dies wohl Emphatie.
Und wohl grade diese dunkle Jahreszeit zwischen November und Ende Dezember ist angefüllt mit all den alten Feiertagen,
welche uns an unsere Verstorbenen erinnern sollen, an die Endlichkeit des Lebens, den Tod: so wie Allerheiligen, Allerseelen und wie sie alle heißen.
Dann gipfeln die Feiertage in der Erinnerung an die Geburt.

An das Wunder der LIEBE und den Neuanfang: Zusammengenommen eine Hoch-Zeit der Emotionen von zu-tode-
betrübt bis himmel-hoch-jauchzend.

So dachte ich an mein letztes Jahr.
Es war das Jahr, in dem meine liebe Mutter verstorben war. Es war ein langes Leiden und ein schweres Sterben.
Und die Erinnerung daran setzte mir immer noch sehr zu.
Denn alles braucht seine Zeit, den Verlust zu verarbeiten, um innerlich Abschied zu nehmen.

So saß ich auf meinem Sofa und ich blickte auf, zu der Wanduhr, die mir gegenüber an der Wand hängt.

Wie ein Zucken fuhr es durch meinen Körper:

20.20 Uhr zeigte die Uhr an.
Exakt die Todeszeit meiner Mutter.

Ich atmete einmal kräftig durch und sagte zu mir:
„Zufall? Dass ich grade im Moment an Mama dachte?

Nein! – Nach Feiern ist mir gar nicht dieses Jahr!
Überhaupt: ich werde kein Weihnachten mehr feiern!“

Mit wem auch?
Es ist doch niemand da!
Punkt Heilig Abend ist der ganze „Spuk“ vorbei.
Alle Vorfreude ist dahin: denn
niemand kommt, niemand kam
und niemand wird kommen.
Ich sitze alleine da und warte,
als wenn es gleich an der Tür schellt und der Weihnachtsmann sagt, „Überraschung!“.
Nein, es gibt diese Überraschung nicht und die Feiertage sind öde.
An den Feiertagen mit dem Hund raus zu gehen, dann wenn alle Leute in Scharen draußen spazieren gehen –
ein grausiger Gedanke.
Und soll ich stundenlang in der Küche stehen, um für mich selbst
etwas zu kochen, was dann in fünf Minuten gegessen ist?
Nein, danke! Und außerdem: keine Lust auf den Abwasch obendrein.“

Nach und nach trennt man sich von geliebten Menschen,
von geliebten Tieren, nach und nach sterben um einen herum die,
die einem am meisten bedeutet hatten.
Trotz allem Verlust und Schwierigkeit hatte ich mir die Vorweihnachtszeit
in den letzten Jahren schön gemacht.
An Heilig Abend war ich dann zu meiner Mutter gefahren,
da sie selbst nicht mehr reisen konnte.
Doch meine Mutter ist nun auch nicht mehr da.

Nun beschloss ich:
„Schluss mit Weihnachten!“
Und stand auf von meinem Sofa.

Ich blickte zur Uhr

und erschrak!

Die Uhr war augenblicklich stehen geblieben!

Ich spürte eine sonderbare Welle eines Gefühls: ganz eigenartig!
Ja, unheimlich gradezu.

„Es ist eine Funkuhr! Die bleibt eigentlich nicht einfach stehen. –
Ok – vielleicht die Batterie – vielleicht wieder ein Zufall?!“, dachte ich bei mir.

Ich nahm die Uhr von der Wand und setzte ein neue Batterie ein.
Die Uhr drehte sich auf 12.
Lief sie nun wieder? Eine Hoffnung auf Erleichterung.
Auf 12 Uhr verharrte die Uhr wieder.
„Hm, das ist vielleicht normal,“ dachte ich. Funkuhren brauchen manchmal eine Weile, bis sie einen neuen
Funk-Impuls bekommen, um sich sebst zu stellen.

„Abwarten!“
10 Minuten vergingen , 20 Minuten vergingen … dann – die Uhr drehte sich…
„Ach, endlich,“ seufzte ich.
Doch es duchzuckte mich noch mehr –
sie blieb stehen: auf

20:20 Uhr!

Die Uhr stand still!

*
Was hatte mir das zu sagen? Natürlich dachte ich sofort an meine Mutter!
Das war die Zeit, die auf der Sterbeurkunde angegeben war.
Ich liebte die Vorweihnachtszeit, das wusste meine Mutter doch!
Und nein, sie würde das nicht wollen:
„Kein Weihnachten mehr!? Wo gibt’s denn sowas!!?“
Würde meine Mutter sagen.
Und ja, hatte sie nicht recht?
Sie hatte doch recht!
Warum sollte ich es mir nicht schön machen?
War ich es mir selbst nicht wert?
Und mein kleiner Hund, habe ich an ihn gedacht?!
Natürlich werden wir Weihnachten haben!
Jede Zeit ist kostbar!
*

Und so holte ich meine Krippe heraus.
Ich war überrascht, die Krippe strahlte immer noch, wie am ersten Tag.
Ich freute mich selbst sehr darüber.

Ich ging in den Keller. Und so, wie mein kleiner Tannenbaum komplett geschmückt
zuletzt im Keller, in einer großen Tüte, verschwunden war,
zog ich ihn wieder hervor und stellte ihn auf.
Herrlich, wie er leuchtete und sein warmes Licht den Raum erstrahlte!
Ich freute mich selbst sehr darüber.

Und ich überlegte, was ich mir zu Weihnachten schenken wollte?
Was habe ich für mich noch nie gemacht?
In meinen früheren Beziehungen hatte ich anderen Menschen gerne einen Advendskalender gebastelt.
Jeden Tag bis Weihnachten gab es ein kleines Geschenk.
So beschloss ich: Ich werde mir selbst einen Advendskalender basteln.
Also ging ich einen Tag später los und kaufte 25 Rubbellose.
Hatte ich nämlich auch noch nie gemacht.

Ich kaufte die Lose in dem kleinen Tabakladen bei uns im Dorf.
Das Rauchen hatte ich längst aufgegeben und so gönnte ich dem kleinen Laden die Einnahmen aus dem Loserwerb.
Die nette Verkäuferin kontrollierte alles sehr sorgfältig
und packte alle Lose zusammen in eine kleine weiße Papiertüte.

*

Als ich daheim war und die Lose entnommen hatte, betrachtete ich die Tüte.

Auf der Tüte stand in großen Lettern: DIE ZEIT
Darunter war ein großes Bild, ein: ENGEL
und der Spruch:
HIMMLISCH SCHÖN!

So waren in der Tüte nicht nur die Lose – es war so viel LIEBE darin.

Eine kleine Träne rann über mein Gesicht
und ich schloss für einen Moment meine Augen,
und lauschte in Gedanken der Botschaft dieses Augenblicks:

„Du kannst die ZEIT nicht anhalten, mein Kind. Du kannst sie auch nicht zurückdrehen – aber jeder MOMENT
ist HIMMLICH SCHÖN, weil Du es WERT bist.“

*

Was hätte ich mir von meiner Mutter zu diesem Weihnachten gewünscht?

Es wäre „ZEIT“ gewesen.

Und als ich das dachte, wurde ich abgelenkt
von einem Tickern und leisen Rattern.

Und ich schaute zur Wand, woher das Geräusch kam?

Die Uhr,

sie begann, sich wieder in Bewegung zu setzen
und stellte sich auf die korrekte Zeit ein!

*

HYZARA, 17. Dezember 2022

*

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